MAI 2026 / nachtkritik.de
Serotonin - Der Shorty zum Theatertreffen-Gastspiel
aus Potsdam
Konzentration im Blut
Auswärts- und gleichzeitig Heimspiel beim Theatertreffen: Für Sebastian Hartmanns mehr als fünfstündige "Serotonin"-Inszenierung mit dem famosen Guido Lambrecht musste das Berliner Publikum nach Potsdam tingeln. Manche hielt es nicht auf den Sitzen.
Von Iven Yorick Fenker
7. Mai 2026. Es ist ein weißer, eckiger Kasten, mit
einer weißen Bank an der Bühnenrückwand, der in der Reithalle des Hans Otto
Theaters in Potsdam steht. Oder, wie Guido Lambrecht, der jetzt, ganz in
Weiß, auftritt, mit dem ersten Satz des Romans von Michel
Houellebecq beginnt: "Es ist eine weiße, ovale, teilbare Tablette."
Es geht um Serotonin, den Titel des Textes, den Lambrecht beeindruckender
Weise wegerzählt, als wäre es nichts. Serotonin ist es auch, dessen
Konzentration im Blut die Einnahme besagter Pille erhöhen soll. Serotonin
in der Inszenierung von Sebastian Hartmann ist jedoch maximal reduziert.
Die Konzentration des Publikums hängt ganz und gar von Lambrechts
schauspielerischem Vermögen ab. Es gibt keine anderen Mittel.
Im Modus der Depression
Es liegt eine Spannung in der Luft, Lambrecht bewegt sich kaum. Er sitzt,
wie das Publikum. Die Sessel quietschen, in der ersten halben Stunde immer
wieder Unruhe und bereits die ersten Zuschauer, die den Saal verlassen.
Sie sind zu selbstbestimmten Pausen angehalten, der Abend dauert über
fünf Stunden. Es werden noch weitere gehen, viele, früher oder später.
Verzweifeln sie? Es gehen viele, wenige kommen wieder. Zum Ende hin
lichtet sich der Saal, der die ganze Zeit belichtet bleibt. Wenn
jemand geht, unterbricht Lambrecht. Dann geht es weiter. Langsam.
Die Erzählung kommt nicht, ganz wie der Protagonist des Romans, aus
dem Modus der Depression.
(...)
https://www.nachtkritik.de/theatertreffen-2026/serotonin-der-shorty-zum-theatertreffen-gastspiel
APRIL 2026 / THEATER DER ZEIT
Everything that we already know
Sivan Ben Yishai hält die Antrittsvorlesung „Write in the Wrong“ der
René Pollesch-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin
Von Iven Yorick Fenker
Assoziationen: DRAMATIK BERLIN SIVAN BEN YISHAI
Erschienen am 28.4.2026
21. April 2026. Der Hörsaal im Institut für Theaterwissenschaft in Berlin-Steglitz ist bis auf den letzten Platz besetzt. Draußen weht ein angenehm warmer Wind, drinnen ist es stickig. Prof. Dr. Jan Lazardig ernennt gerade Lüftungsbeauftragte und verweist darauf, dass, sollte es zu heiß werden, der kommende Vortrag auch in zwei Seminarräume live übertragen werden wird. Lazardig gehörte der Jury an, die die Dramatikerin Sivan Ben Yishai als erste Gastprofessorin der neu eingerichteten René Pollesch-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin ausgewählt hat. Ebenfalls daran beteiligt waren die Dramaturgin Anna Heesen, die Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Joy Kristin Kalu, der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger sowie die Theaterkritikerin und Chefredakteurin von nachtkritik.de Esther Slevogt. Die Jury beschrieb Sivan Ben Yishai als Künstlerin, „deren Schreiben die Gegenwart auf ähnlich kompromisslose Weise wie René Pollesch befragt“.
(...)
https://tdz.de/artikel/912de25f-a08e-4b32-ab9e-10c03b00b81b
APRIL 2026 / nachtkritik.de
Drei Schwestern - Berliner Ensemble
Der Atomschlag ist kein Bluff
Von wegen gestrig! Dieser Tschechow von Mateja Koležnik verströmt das Flair des Kalten Krieges und passt damit genau in unsere Epoche der "Zeitenwende". Mit Schauspiel der Extraklasse geht er über die Bühne des Berliner Ensembles.
Von Iven Yorick Fenker
24. April 2026. Da ist der schöne Saal, da ist das Premierenpublikum
im Berliner Ensemble und der Eiserne Vorhang geht auf und dahinter: Drei Schwestern in der
Kaserne. Die gesamte Handlung – das heißt Reden, Reden, Reden, die in Anton Tschechows
Drama so wunderbar nebeneinander beginnen, bis sie ineinander übergehen – konzentriert
sich in der Inszenierung der slowenischen Regisseurin Mateja Koležnik auf eine scheinbar
unabwendbare militärische Eskalation. Auch wenn diese im Hintergrund bleibt.
Die Kaserne mit ihren Stahlwänden samt eingebetteten roten Knöpfen, Schwarz-Weiß-Bildschirmen,
Schnurtelefonen ist so cold-war-coded wie die Kostüme von Ana Savić-Gecan: Graue Uniformen,
Mäntel mit wunderbar breitem Kragen, je nach Rang dekoriert. Dazu die drei Schwestern:
optisch hin und her gerissen zwischen eintöniger Häuslichkeit der funktional geschnittenen
Kleider und eleganten Pelzmänteln, die darüber getragen werden können, zum Ausgehen, nach
Moskau, nach Moskau.
Außerdem die in den Alltag drängende Atmosphäre der atomaren Angst als Zeitkolorit.
Sehr alt, aber auch sehr, sehr aktuell. Sah es nicht ebenso erschreckend gestrig und
eigentlich over aus, als der russische Machthaber Wladimir Putin in einer ähnlichen
Kulisse saß, vor seinen Schnurtelefonen, und mit Atomwaffen drohte? "Das ist kein Bluff."
(...)
https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=26886&catid=609&Itemid=40